Freistaat 10.0
Eine Rückschau auf das Werden eines völlig neuen Bayerns


Das Management des Weltraumbahnhofs in Oberpfaffenhofen war nicht unerfreut darüber, dass sich der Morgen des 31. Mai 2028 mit einem grantigen Nieselregen zeigte. Dank der vom bayerischen Superrechnerzentrum in Tirschenreuth entwickelten Disgusting Appearences Forecast Analysis (DAFA) wusste man in Oberpfaffenhofen beeindruckenderweise schon drei Tage vorher von der aufziehenden Schlechtwetterfront, die nun eine hübsche Gelegenheit dafür bot, den erwarteten hochrangigen Gästen zu demonstrieren, dass die Bayern bei der Beseitigung bislang unlösbarer Widrigkeiten „immer noch ein neues Hightech-Schmankerl in der Lederhose stecken haben, gleich neben dem Hirschfänger“, wie es die Pressestelle der Staatskanzlei launig formulierte.

Das Hologramm-Entwicklungszentrum der TU in Hof - 2021 für die Projektion großflächiger Hintergrundvisualisierungen gegründet - wurde beauftragt, an diesem Vormittag einen typisch strahlen-den bayerischen Himmel mit viel Weiß und Blau und Sonnenschein über Oberpfaffenhofen zu le-gen. Alle verfügbaren einheimischen Zelebritäten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft staunten an diesem Morgen unter ihren Schirmen in den virtuellen bayerischen Himmelsglanz, nur die zahl-reichen ausländischen Gäste waren nicht eingetroffen. Der für die Freistaatssicherheit zuständige Algorithmus des DAFA-Programms hatte bei der Auswertung der Gesichtserkennung an den baye-rischen Grenzübergängen und Flughäfen Alarm geschlagen und eine „drohende Gefahr“ erkannt. So viele hochrangige ausländische Staatsrepräsentanten, die auf einen Schlag nach Bayern einreisen wollten, erschien dem System als hochverdächtig. Während eine Reiterstaffel der bayerischen Grenzpolizei die Verdächtigen und ihre Entourages - streng nach den Vorschriften des vor zehn Jahren eingeführten bayerischen Polizeiaufgabengesetzes - mithilfe von Drohnen zusammentrieb und für das erkennungsdienstliche Ganzkörper-Abscannen einkesselte, musste das Programm in Oberpfaffenhofen weitergehen. Es gab 2028 nur dieses eine Startfenster für die Bavaria One - Bayerns ersten suborbitalen Erdtrabanten, der in der Rekordzeit von nur neun Jahren und sechs Monaten entwickelt worden war, um... nun, das bewahrte die Staatskanzlei bislang als großes Geheimnis, das sie lüften wollte, wenn die Bavaria One ihre Umlaufbahn erreicht haben würde.

Ministerpräsident Markus Söder und sein Kabinett waren gerade noch rechtzeitig zum Countdown erschienen. Die Technik der vor kurzem fertiggestellten Referenzstrecke des bayerischen Hyper-loops hatte mal wieder gebockt: Statt der geplanten zehn Sekunden brauchte die Passagierkapsel in ihrer unterirdischen Röhre gut eineinhalb Stunden von der Staatskanzlei bis nach Oberpfaffenho-fen. Seitdem Söder den Austritt Bayerns aus der BRD erklärt und Verhandlungen über einen Al-pen-Adria-Bund mit Tirol und Südtirol aufgenommen hatte, war Bayerns Internet immer wieder Ziel schwerer Attacken regierungsnaher Hackergruppen in Wien und Rom, worunter auch der öffentliche Nahverkehr litt. Immer wieder blieb der Hyperloop stecken, Schwärme von Flugtaxis mussten am Boden bleiben. Der bayerische Geheimdienst hatte gelegentlich auch den BND in Verdacht. Das Verhältnis zu Bundeskanzlerin von Storch war seit der Abspaltung Bayerns gespannt, nicht zuletzt deswegen, weil Bayern von Berlin forderte, all die Christdemokraten, Linken, Grünen und Sozialdemokraten zurückzunehmen, die seit von Storchs Regierungsantritt zu Abertausenden illegal nach Bayern kamen. Einige Schlepperbanden hatte die bayerische Grenzpolizei zwar hochgenommen - es half aber nichts. Froh waren indes die bayerischen Dienstleistungsbetriebe über die vielen gut ausgebildeten und fehlerfrei Deutsch sprechenden Flüchtlinge, die notfalls auch für eine alte Leberkässemmel und eine abgestandene Halbe pro Tag arbeiteten. Söder kam deswegen nicht umhin, über ein Einwanderungsgesetz nachzudenken, was ihn noch mehr ärgerte.

An diesem Maimorgen beschäftigte ihn allerdings nur eines: der Start der Bavaria One. Ein weite-res Hologramm der Hofer TU-Techniker verwandelte die Startrampe in eine täuschend echte Ansicht des weltberühmten Neuschwansteiner Schlossturms, aus dessen Fundament nun mächtige Rauchwolken stoben. „Oans, zwoa, auffi!“ skandierten die Gäste begeistert, und der Schlossturm erhob sich auf einem weiß-blauen Feuerschweif in den gefakten Bayernhimmel.

30 Minuten später hatte die Bavaria One den Orbit erreicht, wo sie - nun, das wollte Söder in weni-gen Minuten bekanntgeben. Zuvor aber trat sein Staatskanzleichef vor die Presse und gab bekannt, dass das Kabinett, gestützt auf eine (diesmal selber gehackte) Internetbefragung aller Bayern, beschlossen hatte, Söder angesichts dessen beispielloser Erfolge zum Ministerpräsidenten auf Lebenszeit zu ernennen. „Macht braucht Begrenzung“, sagte der Staatskanzleichef, „und der Wechsel ist natürlicher Bestandteil der Demokratie. Deswegen endet die Amtszeit des Herrn Ministerpräsidenten nun nicht, wie zunächst geplant, in diesem Jahr, sondern erst...“ Die restlichen Worte gingen in tosendem Applaus unter.

Ein sichtlich gerührter Söder trat ans Mikrophon und erklärte, er werde auch in den kommenden Jahrzehnten stets sein Bestes für Bayern geben, dessen Geschichte mit seiner lebenslangen Ernennung und dem Start der ersten bayerischen Weltraumrakete zwei neuerliche Höhepunkte an einem Tag erlebe. Er wolle das bayerische Volk nun mit der Bavaria One nicht länger auf die Folter spannen: In wenigen Augenblicken werde ein fußballgroßer Satellit im Erdorbit ausgesetzt, dessen Aufgabe es sei...

In diesem Augenblick löste sich ein am Steuerungsrechner des Satelliten befestigtes kleines Holz-kreuz. Es taumelte in der Schwerelosigkeit munter hin und her, stieß hier gegen ein Lämpchen, dort gegen eine filigrane Lötverbindung, dann gegen einen Chip und eine Speicherplatine. Der Computer begann neu zu rechnen. Nach wenigen Sekunden zündete er das Triebwerk und schickte die Bavaria One in die unerforschten Weiten des Weltraums. Kurz vor dem natürlichen Ende von Söders Amtszeit traf der inzwischen längst vergessene Bayernsatellit in der Nähe der Betheigeuze ein, wurde von den dort lebenden Vogonen eingefangen, und als sie seinen Weg zurückverfolgten, sahen sie, dass da am Rande eines unbedeutenden Sonnensystems ein bislang übersehener kleiner blauer Planet der seit langem geplanten Hyperraumumgehungsstraße im Weg war.